Homeoffice für Blue Collar Worker

Corona verändert die Arbeitswelt stark. Das wohl deutlichste Beispiel hierfür: Das Homeoffice und die damit verbundenen neuen Arbeitsformen. Doch während Schreibtischtäter*innen aus Verwaltungen die neuen Möglichkeiten entweder feiern oder sich ihr Leid klagen, sind die Kolleg*innen aus der Produktion meist außen vor. Doch das muss nicht sein.

Remote Teams müssen an sich arbeiten

Auch in die Politik hat es das Homeoffice mittlerweile geschafft. Aktuell schlägt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ein Recht auf 24 Tage Homeoffice im Jahr vor. Viele Unternehmen propagieren schon heute zwei bis drei Tage in der Woche Arbeit von zuhause aus – die ganz Mutigen sogar „Remote-First“. Die Präsenzkultur wird abgeschafft und das Ergebnis zählt.

Bei vielen Statements reibt man sich schon verwundert die Augen und fragt sich, wissen sie denn was sie tun? Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Bei uns im Unternehmen haben wir seit vielen Jahren Vertrauensarbeitszeit und -Ort. Das ist bei uns gelebter Alltag und funktioniert. Bis dahin war es aber ein langer Weg, verbunden mit einem Kulturwandel. Es bleiben kontinuierliche „Wartungsarbeiten“, damit Regeln und Werte immer wieder nachgeschärft werden. Denn, wer auch auf Abstand ein Team sein will, muss daran arbeiten – und das ist nicht immer einfach.

Die Zukunft der Arbeit ist ein Aushandlungsprozess

Kein Wunder, dass selbst technologisch innovative Schwergewichte nicht ausnahmslos begeistert sind von Homeoffices: Apple, Google & Co. bauen sich milliardenschwere Campusgelände, um die Mitarbeitenden möglichst 24 Stunden lang zu binden und schwören auf die kreative Kraft der Zusammenarbeit vor Ort, kurze Wege und Austausch. Ich bin ich gespannt, ob da der eine oder die andere noch einen Kater bekommt. Aber gut, die Zukunft der Arbeit ist eben ein Aushandlungsprozess und kann von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich sein.

Produktionsmitarbeitende von New Work Debatten ausgeschlossen

Nur eines ist bedauerlich: Wenn von der neuen Arbeitswelt gesprochen wird, bleiben häufig 50 bis 70 Prozent der Beschäftigten wie ganz selbstverständlich außen vor. Wenn es also beispielsweise heißt, dass die Belegschaft eines Industriekonzerns aus Bayern zukünftig überwiegend aus dem Homeoffice arbeitet, sind damit bestimmt nicht die Produktionsarbeiter*innen gemeint, die die physische Wertschöpfung stemmen. Sie scheinen für die geführten Diskussion nicht relevant zu sein, bestenfalls eine Fußnote oder Nebensatz wert. Schichtmodelle und Präsenz scheinen bei allen Debatten über New Work immer noch wie in Stein gemeißelt – unmöglich, hier Hand anzulegen.

Der Facharbeiter als Ressource

Doch muss das so sein? Warum tun wir uns so schwer, Produktionsorganisation neu zu denken? Aus meiner Sicht fehlt es zuallererst an Wertschätzung und Achtung vor der Leistung der Kolleginnen und Kollegen aus dem sogenannten „Blue Collar“ Bereich. Auch, wenn es keiner offen ausspricht und der deutsche Facharbeiter hoch geschätzt wird: Letztlich ist er doch zuallererst eine „Ressource“ – im Prinzip anonym, halt nur mit Qualifikation und Stundensatz, der dem Produktionssystem unterworfen ist. Das kling hart, ist aber nüchterne Realität.

Blue Collar Kolleg*innen kommen nicht zu Wort

Einige Beispiele können das illustrieren: Denn eine individuelle E-Mail-Adresse, um den Mitarbeiter zu erreichen, ist Unternehmen oft viel zu teuer. Ein individuelles Arbeitszeitmodell, ist ebenfalls viel zu aufwändig. Was für die Wissensarbeiter undenkbar ist, ist für die Blue Collar-Kolleginnen und -Kollegen erlebter Alltag. Dafür kümmern sich andere um ihr Wohl im Kollektiv, vor allem die Gewerkschaften und natürlich der Gesetzgeber. Nur sie selbst kommen nicht zu Wort. Das endet dann in Betriebsvereinbarungen, die bis ins kleinste Detail Eigenverantwortung und Selbstbestimmung abregeln. Es dominiert das Denken des Taylorismus, angetrieben von Takt und Band, so dass alle zur selben Zeit am selben Ort sein müssen, damit das Produktionssystem funktioniert. Die Arbeitnehmervertreter schützen dann die Belegschaft vor zu viel Flexibilisierung und Veränderung.

Industrie 4.0: Produktionsmitarbeitende als Dirigenten der Wertschöpfung

Dem gegenüber stehen Aussagen, dass mit Industrie 4.0 das Fließband abgeschafft wird (z.B. Audi, Porsche) und durch modulare Produktionssysteme ersetzt wird. Die Produktion läuft vielerorts bereits teilautonom und die Werkenden werden zum Dirigenten der Wertschöpfung. Das heißt, sie kümmern sich um Prozesse, die nicht automatisiert werden können. Dafür werden sie weiter qualifiziert und erhöhen die Breite ihrer Fähigkeiten. Folglich sind die Werkenden nicht mehr nur für Arbeitsinhalte von ein bis zwei Takten einsetz- oder austauschbar, sondern flexibel entlang der Wertschöpfungskette. Dabei werden sie durch digitale Assistenz unterstützt.

FlexWork im Blue Collar Bereich: Technisch sind wir weiter als im Kopf

Und jetzt wird es spannend. Denn was unterscheidet so einen Jobprofil von einem Wissensarbeiter? Warum müssen alle gleichzeitig vor Ort sein, wenn Maschinen fernüberwacht werden. Lieferanten als Asset-as-a-Service Verfügbarkeit garantieren und Maschinen sich von selbst mit entsprechend langer Vorwarnzeit melden. Ist es vielleicht doch so, dass man von eingeschworenen Narrativen nicht lassen kann? War es nicht auch bei den Wissensarbeitern so, dass vor Corona alle am Platz sein mussten? Es lohnt sich, neu zu denken, ob es nicht auch für Blue Collar Jobs Zeit wird, flexible Arbeitszeitmodell zu ermöglichen.

Wenn das Ergebnis zählt, haben Produktionsmitarbeitende einen Vorteil

Dass die Blue Collar Werker längst soweit sind, konnten wir in etlichen Workshop zu Industrie 4.0 verproben. Auf die Frage, wie sich die Werkenden einen typischen Schichtablauf im Jahre 2025 vorstellen, wurde sehr schnell klar: Starre Schichtzeiten kann sich keiner mehr vorstellen. Die Schichtübergabe erfolgt per Videotagebuch oder Chat. Die Maschine meldet sich mit Vorlauf, wenn Material nachgefüllt werden muss oder eine Störung im Anmarsch ist. Und von den Werkenden kam auch gleich die nächste Frage: Wofür werden wir denn dann eigentlich bezahlt, wenn durch die Stechuhr bestätigte Anwesenheit oder Akkord nicht mehr zählt? Eine Frage, die sich die Wissensarbeiter längst beantwortet haben: für das Ergebnis!

Homeoffice in der Produktion? Das geht!

Die Produktionsmitarbeitenden haben genau hier einen Vorteil: Das Ergebnis lässt sich besser darstellen, denn am Ende des Tages steht ein Auto oder eine Palette zum Anfassen da. Man sieht halt, was man geschafft hat. Ein Grund mehr, an die Zukunft von zufriedenen Werkern in der Industrie 4.0 zu glauben – oder noch besser: sie aktivpositiv zu gestalten.

Ohne mehr Wertschätzung und individuelle Arbeitszeitmodelle inklusive Homeoffice-Anteilen wird das nicht funktionieren – und der Fachkräftemangel weiter wachsen. Es liegt an uns, mehr Revolution in Produktions- und Arbeitsorganisation zuzulassen und Experimente zu starten. Meine These: Homeoffice für Produktionsarbeiter, ja das das geht – hier und jetzt!

Über den Autor

Steffen Himstedt gründete 1992 Trebing + Himstedt Prozessautomation GmbH & Co. KG. Er verantwortet Organisation/Personal, Marketing und Vertrieb sowie die Strategie. Als kreativer Vordenker, Netzwerker und Key Note Speaker teilt er seine Erfahrungen zu New Work, Agiler Organisation und modernen Raumkonzepten auf Veranstaltungen und als Mentor.

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