HR-Influencer: Arbeitest Du noch oder zwitscherst Du schon?

Es gibt ein neues Tierchen im HR-Zoo: Der/die HR Influencer/in. Doch wen „influencen“ eigentlich HR-Influencer? Zu dieser Frage hat mich der Kontakt zu Dr. Winfried Felser inspiriert. Er ist nämlich einer. Zumindest laut Personalmagazins, das ihm Platz neun der „TOP 25 HR-Influencer“ zuerkannte. Dr. Felser sieht sich selbst indes weniger in dieser Rolle, entgegnete er mir auf meine Anspielung. Er wolle kein Influencer sein. Damit haben wir etwas gemeinsam.

HR-Influenza: Heilung durch paradoxe Intervention  

Wen influencen eigentlich HR-Influencer? Diese Frage in digitalen Netzwerken gestellt, ist schon fast eine paradoxe Intervention – behaupte ich doch, kein Influencer sein zu wollen, indem ich exakt das tue, was Influencer so tun: Beiträge im Netz publizieren. Gut möglich, dass mich genau deshalb meine Kollegen darin bestärkt haben, diesen Text zu verfassen. Besteht doch durch paradoxe Intervention die Möglichkeit der Heilung oder Linderung, in diesem Fall von akuter HR-Influenza. Insofern meine ich die Frage durchaus ernst. Und ich muss sie auch genau hier, in den digitalen Netzwerken stellen, weil diejenigen, die nicht „social networken“ schon mit der Frage nichts anfangen könnten.

Zum besseren Verständnis meiner eigenen digitalen Positionierung: Ich bin erst seit Juni 2016 in den beruflichen Netzwerken Xing und LinkedIn aktiv sowie mit wechselnder Motivation und Intensität auch bei Twitter. Wie man an der Wahl der Netzwerke ansatzweise erkennen kann, geht es mir ausschließlich um die Nutzung im beruflichen Kontext. Dabei lerne und staune ich immer noch. Und ja, ich gebe zu, es macht auch Spaß.

Susi und der Lippenstift: das Konzept Influencer

Dass neue Medien allen Menschen einen ungefilterten, kostenlosen und sofortigen Kommunikationsweg eröffnen, ist ein Fakt – und ein genuin positiver. Dass daraus nicht nur positive Effekte resultieren, ist uns allen aber auch inzwischen klar und von mir im Artikel „Kommunikation ist die wahre Disruption“ für das Magazin des Senats der Wirtschaft dargelegt.

Es ist wundervoll, dass es zum Beispiel auf Twitter viele Menschen gibt, die sich für HR interessieren und ihre Profession mit Interesse, mit Verve, mit Nachdenken und viel Kommunikation darstellen. Was dies jedoch per se mit Einfluss zu tun hat, verstehe ich nicht, obwohl mir das Konzept des Influencers durchaus bekannt ist: Viele mögen Susi und wie sie aussieht, also kaufen sie sich den Lippenstift, den sie – eher mehr als weniger offensichtlich – empfiehlt. Unternehmen und Marken finden das klasse. Sie hoffen, durch diese (vermeintliche) Authentizität ihre Marken positiv aufzuladen und damit am Ende mehr Ware an den Mann und die Frau zu bringen oder gar eine höhere Kundenbindung zu erreichen. Bekannte Susis bekommen für ihre Empfehlungen Geld, andere nur den Lippenstift.

Follower, Retweets und Likes = Einfluss?

Wenn ich das Ranking im Personalmagazin richtig verstehe, wird HR-Influencer, wer zu HR relevanten Themen kommuniziert und dabei eine möglichst große Reichweite erzielt, gemessen an den neuen Währungen Follower, Retweets und Likes. Wer hier wen beeinflusst, ist unklar. Genauso wenig weiß man, was in diesem Fall der Lippenstift ist – also das, wovon es zu überzeugen gilt.

Insofern scheint mir die Bemessungsgrundlage „a bisserl dünn“. Insbesondere im Vergleich zu wahren Influencern: den Foodies, die fleißig brutzeln und backen, den mitunter beneidenswerten Reisebloggern, die Hotels testen, oder eben den Make-up-Expertinnen mit ihren Tipps zu Gesichts- und Körperpflege. Denn sie müssen sich am Ende des Tages an der gnadenlosen Conversion Rate messen lassen, also daran, wie viele User sie tatsächlich auf die Seiten der auftraggebenden Unternehmen geführt haben – oder sogar zum Verkaufsabschluss.

Arbeitest Du noch, oder twitterst Du schon?

Wen influencen dann HR-Influencer?! Als Grundgesamtheit kommt nur der vernetzte Teil der berufstätigen Bevölkerung infrage. Von HR-Entscheidungsträgern sind per heute zwar einige in Social Networks vertreten, aber nur wenige wirklich persönlich aktiv. Die, die tatsächlich aktiv sind, sind oft diejenigen, die etwas verkaufen wollen: Berater (also auch ich), Trainer sowie Speaker und Anbieter von IT-Tools und -Services. Manche von ihnen bieten spannende Impulse zu höchst relevanten Fragen in HR, viele fungieren jedoch schlichtweg als Link-Schleudern, die Artikel aus bekannten Publikationen oft ohne eigene geistige Eigenleistung rausblasen, oder mit Textkonserven den Eindruck regelmäßiger und persönlicher Befassung simulieren.

Angesichts der Zwitscher-Frequenz so mancher digitaler Prominenz liegt die Frage nahe: Arbeitest Du noch, oder twitterst Du schon? Diese emotional-eruptive Frage stammt vom Personalvorstand eines DAX-Unternehmens, mit dem ich mich über dieses Phänomen unterhalten. Ein Gespräch, das mir ebenfalls Inspirationsquelle für diesen Artikel war.

Relevanz durch Penetranz?

Dass sich Menschen davon tatsächlich als Follower angesprochen fühlen und nicht aufgrund der Belagerung ihrer Timelines mit inflationären Weisheiten aufstöhnen und sich konsequenterweise aus dem Follower-Kreis verabschieden, lässt mich manchmal staunen. Allerdings wächst so auch mein Zweifel an dem Agieren und der Wirkungskraft der kommunizierenden Influencer. Wird hier etwa Relevanz durch Penetranz zum Leitgedanken?

Aufgeschreckt hat mich in dieser Hinsicht insbesondere die zunehmende Scharlatanerie rund um Personaldiagnostik. Bei dieser wurde und wird ganz offensichtlich sozial-medien-gepuscht unwissenschaftlicher und damit unethischer Quatsch rund um Stimmanalyse und Profiling vermarktet. Kommt so etwas durch automatisches Forwarding und Influencer-Blasen zustande? Mein Appell ist es, diese Frage nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Im Gegenteil, wir müssen sogar extrem wachsam sein. Follower, Retweets und Likes beeindrucken mitunter. Sie können, wenn sie durch originäre, qualitativ hochwertige Inhalte und bereichernde Kommunikation gewonnen wurden, durchaus auch als Erfolg angesehen werden. Sie können jedoch auch in die Troll-Irre führen!

HR-Influencer – cui bono?

Der persönliche Nutzen des digitalen Kommunikationsengagements liegt natürlich und nicht unwesentlich im Aufbau einer persönlichen Marke – mit der dann manche HR-Influencer sich nomadisierend immer wieder neuen Organisationen oder Netzwerken anschließen. Ich bin ob der langfristigen und nachhaltigen unternehmerischen Wirkung gespannt.

Persönliche Marke, das trifft aber auf Vorstände ebenso zu wie auf Berater*innen, Vortragende, Autoren*innen und so weiter. Das ist auch nicht schlecht und absolut opportun. Auch die hkp/// group ist mit Corporate Kanälen aktiv, weil wir uns entschieden haben, auf Twitter, Xing und LinkedIn ansprechbar zu sein und der dort stattfindenden Öffentlichkeit HR-Themen nahezubringen.

Dem digitalen HR-Diskurs fehlen wichtige Perspektiven

Auch ich bin persönlich gerne immer mal wieder online, beobachte die Beiträge und bringe mich vereinzelt ein. Dennoch stellen wir uns immer wieder die Frage, wie selbstreferenziell dieses System ist und was wir dagegen tun können. Denn dem HR-Diskurs – beispielsweise auf Twitter – fehlen wichtige Perspektiven aus der HR-Praxis und der Wissenschaft, von einigen Leuchttürmen mal abgesehen. Damit lässt sich letztlich durchaus fragen: Beeinflussen HR-Influencer momentan hauptsächlich einander?

Mehr Energie in inhaltliche Tiefe und interdisziplinäre Zusammenarbeit investieren

Der Beweis für den Mehrwert der Beiträge von HR-Influencern für eine nachhaltige Weiterentwicklung der HR Arbeit zum Wohle der Mitarbeiter, Unternehmen und der vor uns stehenden gesellschaftlichen Herausforderungen ist jedenfalls noch zu erbringen.Anstatt, dass wir uns auf dem Marktplatz HR gegenseitig zu übertönen versuchen, sollte mehr Energie in die inhaltliche Tiefe, interdisziplinäre Themenarbeit und praxisrelevante Konzepte investiert werden – und gerne darauf basierend auch in neue, zukunftsweisende Ideen.

Ich fordere daher alle auf, denen HR am Herzen liegt – HR-Influencer, Beeinflusste und alle anderen – gemeinsam mit Verantwortung, Engagement und Lust an inhaltlicher Tiefe die HR-Arbeit weiter voranzubringen. Und von HR-Influencern wünsche ich mir etwas ganz Besonderes: Lasst uns gemeinsam den digitalen Dialog vielstimmiger und perspektivenreicher machen, indem wir Akteure einbinden, die in den Social Networks zu wenig zu Wort kommen: Wissenschaftler und HR-Verantwortliche.

Es würde mich freuen, wenn sich so manche(r) an meinen Worten „stößt“, um zur Reflexion über den digitalen Diskurs in HR anzuregen. Denn eine bessere – also tiefere und pluralere – Debatte wird am Ende auch zu besseren Impulsen führen. Hier sind wir alle in der Verantwortung, aber vor allem die, die glauben, Einfluß zu haben.

3 Kommentare

  1. 14. Februar 2019
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    Lieber Michael, danke für Deine nachdenklichen Überlegungen. Ich meine, im Fall von Orientierungslosigkeit ist es naheliegend, dass Menschen – in diesem Fall die Menschen, die in Unternehmen für HR verantwortlich sind, diese Orientierung suchen. Und die unendlichen Wahlmöglichkeiten unserer komplexen Zeit führen dazu, dass Menschen eben nicht nur bei den klassischen „Ratgebern“ (aka Unternehmensberatern) Orientierung suchen, sondern überall. Viele Jahrzehnte war die Rolle der hierzulande „PA“ glasklar, jetzt auf einmal soll HR der Vernetzer, der Coach, der Content und Learning Curator und was noch alles sein.
    Ich bin hier gerade auf der IBM Think! in San Francisco und im gerade hinter mir liegenden Beitrag (sende den Slidecast auf Wunsch gern per Mail zu, ist spannend…) wird HR als der neue Held im Unternehmen gefeiert; so wie es diskutiert wird, ist dazu aber so viel Technologiekompetenz nötig, dass die Menschen, die bis gerade eben mit den vielen „A“s HR erfüllt haben (Arbeitsvertrag, Arbeitsrecht, Abmahnung, Aufhebung, AN-Vertretung,…) eine ganze Menge lernen und verstehen müssen, um dieser Hero auch zu sein…und zwar sicher ab einem Punkt auch in der von Dir zu recht geforderten Tiefe – aber aufgrund der Dimensionen dieses Themas v.a. zunächst in der Breite – was dann vielleicht auf den ersten Blick zu einer vermeintlichen Oberflächlichkeit zwingt.
    Ich finde den Anstoss von Dir spannend, vielleicht bietet uns der Winfried dazu beizeiten ja mal eine Plattform zur Diskussion. Herzliche Grüsse aus SFO! Sabine

    • Constantin Härthe
      Constantin Härthe
      15. Februar 2019
      Antworten

      Liebe Frau Kluge, hallo Sabine!

      Vielen Dank für Deine Sicht auf das Thema – Orientierung schaffen ist sicherlich ein wichtiger Punkt.

      Viele Grüße aus Frankfurt
      Constantin

  2. Volker
    15. Februar 2019
    Antworten

    Im Silicon Valley dreht sich alles um Tech und Geld. Kein guter Ort für einen 36o Grad Blick….

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