Reptilienhirn bis Schwarmintelligenz: Kommunikation als wahre Disruption

Ohne sie kommen Vortragstitel heute nur schwer aus: die Disruption. Disruptive Prozesse in Wirtschaft und Arbeitswelt sowie die Konsequenzen für Management, HR, Marketing & Co. sind wichtige Themen. Sie dürfen aber nicht den Blick auf die wahre Disruption verstellen, die eine intensive Wertedebatte benötigt: die Kommunikation.

Alles ist im Wandel, eine Binsenweisheit mit der sie, je nach rhetorischer Finesse, heute noch ganzen Sälen Applaus abnötigen können. Besonders gewaltig und klug klingt in diesem Kontext der Begriff der Disruption – inflationär genutzt, verleitet er zu reflexhaftem Kopfnicken, ist allerdings alles andere als trennscharf. In der Biologie benennt „disruptiv“ eine grobe Musterung, weiß der Duden. In der Technik handelt es sich um die Störung eines systemischen Gleichgewichts. Und da scheinen wir dem allgemeinen Sprachkonsens sowie dem auch in der Wirtschaftswissenschaft gebräuchlichen Terminus schon etwas näher zu kommen: Meint man damit doch meist den grundsätzlichen, schnellen und exponentiellen Wandel von Geschäftsmodellen oder ganzer Branchen, ausgelöst durch technologische, digitale Anwendungen.

Der Wandel der Kommunikation als Initialzündung

Gefasst werden damit viele Erscheinungen, wie zum Beispiel die Industrie 4.0: die Automatisierung und Vernetzung von Maschinen, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im industriellen Prozess oder Blockchain als zentraler Angriff auf alle intermediären Funktionen in Geschäfts- und Verwaltungsprozessen. All das sind tatsächlich umwälzende Phänomene, deren Folgen wir heute nur erahnen können. Die größte und prägendste Disruption durch Digitalisierung scheinen wir bei all den gigantischen Buzzwords allerdings gerne zu übersehen: die Kommunikation.

Ihr Wandel ist die Initialzündung für viele, wenn nicht alle Transformationsprozesse, die wir bislang erlebt haben, in denen wir uns heute befinden und auch zukünftig befinden werden. Binnen kürzester Zeit hat sich die disruptive Kraft der Digitalisierung in Form von Smartphones in unsere Hand- und Hosentaschen gekämpft und ist Teil unseres Alltags geworden. Kommunikationstechnologie hat unser Leben verändert – und sie wird es auch weiterhin tun.

Wir sind, was wir kommunizieren – allerdings ist das nicht immer einfach…

Das erste Axiom zur Kommunikation meines österreichischen Landsmanns Paul Waztlawick lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Kommunikation betrifft als eines der wenigen Themen alle Lebensbereiche: Privat- und Berufsleben, Liebe, Religion und Politik. Man könnte auch sagen: Wir sind, was wir kommunizieren. Doch mit der Kommunikation ist es nicht immer so einfach, angesichts der Mängel mit denen wir als Menschen ausgestattet sind.

Neutrale Beobachtung ist beispielsweise nicht unsere Stärke – bzw. sind wir dazu schlichtweg nicht in der Lage, was auch der deutsche Physiker Werner Heisenberg mit seiner Unschärferelation fasst. Jede unserer Beobachtungen verändert die beobachtete Wirklichkeit. Dass wir als Menschen darüber hinaus oft gar nicht in der Lage sind, Wirklichkeit zu erkennen, sondern nur unser selbst geschaffenes Bild von ihr, hat René Magritte in seinem Bild „Ceci n’est pas une pipe“ auf den Punkt gebracht – das Bild, das eben keine Pfeife zeigt, sondern nur das Bild einer Pfeife ist. Nur zwei Einsichten in die Natur des Menschen, die Kommunikation nicht gerade einfach machen. Allerdings unterstreichen sie auch, wie wichtig Kommunikation und der Austausch unter Menschen ist.

Verbotene Bücher und Donald Trump: Kommunikation, Wirklichkeit und Disruption

Es gibt keine andere Wirklichkeit als die, die wir uns erschaffen: Die Welt ist also, wie wir sie sehen. Kommunikation schafft also auch Wirklichkeit. Dies erkannten und erkennen nicht zuletzt die Diktaturen dieser Welt, die die Kommunikation zu allen Zeiten zu kontrollieren versuchten – vom Index der verbotenen Bücher bis zur Diskussion um die „Fake News“ des „@realDonaldTrump“, wie sich der US-Präsident auf Twitter nennt. All dies ist nichts anderes als der Versuch, Kontrolle über Wahrheit und Wirklichkeit auszuüben.

Warum das alles disruptiv ist? Klar, Menschen haben immer schon kommuniziert und kontrolliert. Tatsächlich ist die Umwälzung im direkten, analogen Gegenüber von Mensch zu Mensch nicht ganz so auffällig – vorausgesetzt Ihr Gesprächspartner lässt sich von seinen „digital Devices“ nicht ablenken. Wo sich der fundamentale Paradigmenwechsel in all seinen Facetten offenbart, ist allerdings die Kommunikation one-to-many. Hier wurde ein bestehendes, auch technisches System komplett über den Haufen geworfen: das System der öffentlichen Kommunikation – und das ist im besten Wortsinne als disruptiv zu bezeichnen.

Wir befinden uns noch mitten im Aneignungsprozess

Ich beschreibe es gerne als Wegfall von Filtern und Hürden. Mitunter sind aber auch Dämme gebrochen: Zum Beispiel der Wegfall der Vormachtstellung klassischer Medien als Mittler zwischen Absendern von Botschaften und einer dispersen Öffentlichkeit, wie es Friedhelm Neidhardt beschreibt. Doch Beispiele für den Wegfall von Hürden oder das Wegbrechen von Filtern gibt es viele. Von der Postkutsche zum Instant Messaging, von Anzeigen und Leserbriefen hin zu Communities und viralen Netzwerken, von Lektoraten zur Spontankommunikation, vom handgeschriebenen Brief zur Daumenakrobatik. Kommunizieren ist heute nicht mehr unbedingt eine Frage von Zeit, Ort, Aufwand, Expertise, Kosten, Bildung etc. – mit allen Vor- und Nachteilen.

Doch wir befinden uns noch mitten im individuellen und gesellschaftlichen Aneignungsprozess der in die Jahre gekommenen „neuen Medien“. Vielleicht erinnern sich die Älteren von uns noch an das Aufkommen von E-Mails. Schnell durfte man die Bekanntschaft mit sich aufschaukelnden E-Mail-Kaskaden und mit immer breiteren Verteilern machen. Und manche von uns haben den Rat erhalten, ihre elektronischen Briefe dann doch mal über Nacht liegen zu lassen. So lang wie das auch wieder her sein mag – so uneingeschränkt gültig ist dies auch heute noch in Hinblick auf WhatsApp-Nachrichten und Tweets.

Schwarmintelligenz und Reptilienhirn

Positiv formuliert: Kommunikation wird spontaner, ehrlicher, direkter und demokratischer. Die vernetzte Kommunikation schafft das von Marshall McLuhan beschriebene „Global Village“. Wir rücken einander mitunter auch empathisch näher, wie es Jeremy Rifkin beschreibt. Zumindest einige von uns. Wir haben gelernt, welche Macht Schwarmintelligenz und Gemeinschaftskreation entfalten – und sie verändern auch zusehends unsere Arbeitswelt.

Negativ formuliert: Kommunikation rutsch mitunter auch ins Reptilienhirn. Und das ist nicht nur auf Balance und Kreativität, sondern auch auf Kampf, Flucht, Vernichtung und andere Urtriebe oder Ängste eingestellt – das gilt oft für Sender und Empfänger gleichermaßen. Der zwitschernde US-Präsident „Tweety-Trump“, Versuche der Wahlmanipulation, Cybermobbing, Shitstorms oder die Kommunikationsstrategien der rechten Parteien zeigen: Es wird extremer.  Denn das ist die andere Seite der Medaille: Nur noch begrenzt wirksame Filter, wie beispielsweise die Presse als Gatekeeper der öffentlichen Kommunikation, hatten eben auch eine wichtige Funktion.

Die wahre Disruption gestalten

Alles, was unser Kommunikationsverhalten ändert, das ändert unseren öffentlichen Raum – mit privaten und beruflichen Konsequenzen. Die uns heute und in Zukunft zur Verfügung stehenden Kommunikationstechnologien bringen das Beste und das Schlechteste in uns hervor. Und egal, wie man dazu steht, klar ist: Sie gehen nicht mehr weg.

Sie und ich werden die Landschaft der Kommunikationsplattformen bereits heute schon nicht ausschöpfen und was „das nächste große Ding“ sein mag, spielt keine Rolle. Wichtig ist jedoch, darauf hinzuweisen, dass es ist an uns ist, in welcher Weise wir die digitalen, kommunikativen Möglichkeiten von heute und morgen nutzen. Denn wir – und damit meine ich unsere Gesellschaft – wird sie nutzen: Denn nicht kommunizieren kann man nicht.

Insofern wünsche ich mir, ebenso wie die Bonner Medienwissenschaftlerin Caja Thimm, eine gesellschaftliche Werte-Debatte über Kommunikation, die zu einer Re-Humanisierung der Kommunikation und zu neuen Regeln dafür führt. Lassen Sie uns das digitale Miteinander weiter voranbringen. Eine gut ausformulierte „Netiquette“ ist schön, aber nützt nichts, wenn die darin enthaltenen Werte nicht genauso aktiv vermittelt werden, wie der gute Umgang auf dem Schulhof. Hier stehen wir – trotz rasender Entwicklung – gerade erst am Anfang und sollten uns schleunigst auf den Weg machen. Denn Kommunikation ändert alles. Sie ist der Ausgangspunkt aller disruptiven Prozesse unserer Zeit – und damit die wahre Disruption. Wenn wir sie gestalten, gestalten wir auch die Art und Weise, wie wir aus dem Zeitalter des permanenten Wandels hervorgehen – individuell, gesellschaftlich und unternehmerisch.

 

Über die Autoren

Michael H. Kramarsch zählt zu den führenden Vergütungsberatern und Corporate-Governance-Experten. Er ist Delegierter des Verwaltungsrats und Managing Partner der 2011 von ihm gegründeten internationalen Unternehmensberatung hkp/// group. In seiner mehr als 20-jährigen Beratertätigkeit beschäftigte er sich schwerpunktmäßig mit Fragestellungen der wertorientierten Unternehmensführung, Corporate Governance, Performance Management und Top-Executive-Vergütung. Als Sachverständiger hat er mehrfach die Regierungskommission DCGK und Standardisierungsgremien zur Vorstandsvergütung (DSRC) beraten. Als Investor fokussiert sich Michael H. Kramarsch auf Startups im HR-Umfeld.

Constantin Härthe ist Digital Communication Manager der hkp/// group. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich und beruflich mit dem digitalen Wandel der Kommunikation. Er ist Mitautor einer Studie zur digitalen Krisenkommunikation, war Redakteur in der Senderkommunikation eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders sowie als Kommunikations-Referent in einer Wirtschaftsorganisation und als Projektmanager in Agenturen für PR und Bewegtbild beschäftigt.

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