Es ist längst an der Zeit, die Fünftagewoche zu überdenken

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Technologie und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit bestimmen den Arbeitsalltag. Zugleich leben wir jedoch noch immer in einer Fünftagewoche, die den 50er Jahren entspringt. In diesem Beitrag geht es darum, wie eine Viertagewoche eine Alternative darstellen kann.

In Sachen Arbeitszeit sind wir im Grunde in den 50ern stehengeblieben

„Samstags gehört Vati mir.“ Unter diesem Motto wurde in den 1950er Jahren durch Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Fünftagewoche eingeführt. Mussten Arbeitnehmer zuvor noch 6 Tage à 8 Stunden arbeiten, setzte sich Dank des Wirtschaftswunders eine Kürzung der Arbeitszeit durch.Über 60 Jahre sind seither vergangen und in vielen Berufsfeldern arbeitet Vati (oder Mutti) heute längst auch wieder samstags – und gerne auch mal sonntags.

Technische Innovationen der vergangenen Jahrzehnte, neue Arbeitsfelder und Formen der Zusammenarbeit haben die Arbeitswelt revolutioniert, während der starre Rahmen der Fünftagewoche praktisch nie hinterfragt wurde. Sicherlich haben Gleitzeit und Homeoffice in jüngster Zeit einen Anstoß gegeben, die Fünftagewoche aufzubrechen, doch eine echte Anpassung an die neue Arbeitswelt stellen diese Möglichkeiten nur im Ansatz dar. Mit dem Notebook und dem Smartphone ist der Arbeitsplatz immer und überall präsent und so wird auch häufig am Wochenende gearbeitet. Man ist ständig erreichbar und so wird aus einer Fünftagewoche mit Homeoffice nicht selten eine Siebentagewoche, in der es sich zwar lockerer arbeitet, man aber keine vollständige Auszeit vom Job mehr hat.

Verkrustete Zeitmodelle bei revolutionierter Arbeitswelt: Gesundheit und Produktivität leiden

Langfristig wirkt sich die Überlagerung von Privatleben und Arbeit nicht nur negativ auf die Produktivität aus, sondern ist auch schlichtweg ungesund. Burn-out Syndrom und andere psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen und jeder zweite Beschäftigte in Deutschland klagt über seine Arbeitszeiten. Angestellte werden immer gestresster und schaffen es kaum noch, ihren Alltag inklusive Familie und Terminen in der Freizeit unter einen Hut zu bekommen.

Hinzu kommen lange Arbeitswege: Statistisch gesehen benötigt jeder Deutsche 44 Minuten für den Weg zum Job und wieder zurück. Hochgerechnet sind das zwei Urlaubswochen pro Jahr.

Die Viertagewoche als Weiterdenken der Gleitzeit: Berliner Unternehmen hat den Selbstversuch gewagt

Nur vier Tage arbeiten und dafür das gleiche Gehalt beziehen – kann das funktionieren? Das Berliner Unternehmen Erento hat die Viertagewoche getestet und war hoch zufrieden. Es stellte sich heraus: Wer weniger arbeitet, leistet auch mehr. Das bedeutet nicht etwa, dass die Beschäftigten während einer Fünftagewoche im Schnitt 8 Stunden Däumchen drehen, sondern vielmehr, dass Aufgaben effizienter priorisiert und bearbeitet werden. Weniger Meetings, eine konsequente Anwendung der „Getting Things Done“ Selbstmanagement-Methode und tägliche Stand-ups im Team sind nur einige Beispiele, wie eine eingefahrene 40-Stunden-Woche ohne Produktivitätsverlust und ohne Stresszuwachs für Arbeitnehmer auf 32 Stunden reduziert werden kann.

Inspiriert von Jason Frieds und David Heinemeier Hanssons Buch „Rework“ wagte die Chefetage von Erento im Sommer 2018 das Experiment: Bei gleichem Gehalt hatten im Juli alle Angestellten nur noch eine Viertagewoche zu absolvieren.

Experiment geglückt: Zufriedenheit und Produktivität sind stark gestiegen

Das Ergebnis überzeugte. Im Sales-Team wurde die gleiche Anzahl an Vertragsabschlüssen verzeichnet und das, obwohl der Juli als eher schwacher Monat gilt. Im Customer Support Team, der Einheit, die für die Betreuung der Vermieter auf den Plattformen von Erento zuständig ist, wies die Neukundenbetreuung einen Zuwachs von fünf Prozent auf 92 Prozent auf. Die Story-Punkte im Development Team, mit denen die Komplexität einer Aufgabe ermittelt wird, erreichten während der Viertagewoche den Wert 1,85 statt 1,66 je Mitarbeiter und Tag, was eine nachhaltige Steigerung bedeutet. Die Belegschaft war im Allgemeinen um einiges fokussierter. Auch die Balance zwischen Beruf und Privatleben konnte deutlich besser organisiert werden (zur Pressemitteilung).

Keine Blaupause für alle Unternehmen und Branchen

Überall dort, wo ein System den Missbrauch erlaubt, findet dieser auch statt. Diese Unterstellung gilt zunächst natürlich auch für die Einführung einer Viertagewoche: Wie kann der Arbeitgeber sicherstellen, dass die Angestellten das System nicht ausnutzen? Sich etwa besonders ausgedehnte Brückentage leisten oder auf die Produktivität bezogen einfach nicht mitziehen?

Dank der folgenden Punkte war dies für Erento kein Problem:

  • Die Viertagewoche wurde zunächst zeitlich limitiert getestet. Die Mitarbeiter konnten sich beweisen und den Vertrauensvorschuss der Chefetage würdigen.
  • Es wurden klare Regeln festgelegt, was Urlaub und Brückentrage betrifft. Die Einführung der Viertagewoche wurde transparent im Plenum besprochen und diskutiert.
  • Die Unternehmensgröße ist mit unter 30 Mitarbeitern überschaubar. Man sitzt in direkter Reichweite zusammen und kommuniziert völlig unkompliziert.
  • Es besteht ein gewachsenes Vertrauensverhältnis. Auch abseits der Arbeit wird viel gemeinsam unternommen und man kennt sich gut.
  • Alle Mitarbeiter haben bereits gezeigt, dass Sie mit Gleitzeit und Homeoffice verantwortungsvoll umgehen.
  • Produktivität wird seit jeher anhand von KPIs (Key Performance Indicator) gemessen. Das heißt, am Ende jeder Woche ist nachweisbar, ob die jeweilige Abteilung ihre Ziele erreicht hat.

Vertrauen, Messung von Produktivität und klare Regeln bei einer überschaubaren Unternehmensgröße sind für Erento also letztendlich ausschlaggebend gewesen, dass der Selbstversuch ein voller Erfolg war.

Ob das Unternehmen dauerhaft auf die Viertagewoche umsteigen will, ist noch nicht final entschieden. Allerdings haben alle Mitarbeiter nach wie vor die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit flexibel und ihren Lebensumständen entsprechend zu gestalten. Remote Work, Homeoffice ist ebenso möglich wie ein späteres Erscheinen im Büro oder ein angepasster Feierabend. Das sind die besten Voraussetzungen für den Schritt in die komplette Viertagewoche.

 

Über den Autor

Christoph Schnellbächer ist in Lindenfels geboren, lebt heute in Berlin und arbeitet als Online Marketing Manager bei Erento, einem der größten Mietportale Deutschlands. Seit 2003 macht es das einstige Start-up den Internetusern so leicht wie möglich, online alles vom Wohnmobil bis zur Veranstaltungstechnik zu mieten.

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