Hidden Champions: Wie die Vernachlässigung von Experten die Zukunft von Unternehmen gefährdet

Risiken werden zu Gefahren, wenn man sie nicht beachtet. Und sie werden zu Chancen, wenn man sie in den Blick nimmt. Deutlich wird dies auch an einer bestimmten Mitarbeitergruppe: den Experten – also zum Beispiel den Ingenieuren und Chemikern, den Informatikern und Entwicklern, den Einkäufern und den Key Account Managern. Mit ihrem Wissen und Können, ihrem Engagement und Ideenreichtum machen sie aus Business-Plänen Geschäftserfolge und aus Ideen Wettbewerbsvorteile. Hervorragende Experten sind Champions. Doch leider sind sie oft nur „hidden Champions“. Viele Unternehmen haben sie kaum auf dem Schirm – und setzen damit ihre Innovationskraft und folglich ihre Zukunft aufs Spiel.

Keine Experten, keine Expertise

Führungskräfte werden identifiziert, bewertet und entlang klarer Karrierewege gefördert. Ein ausgefeiltes Nachfolgemanagement sorgt dafür, dass keine Führungsposition lang vakant bleibt. Ähnlich elaborierte Prozesse und Programme sucht man für Experten meist vergeblich. Und genau das ist gefährlich. Denn wer sich nicht um seine Experten kümmert, kümmert sich auch nicht um eine der wohl wichtigsten Ressourcen seines Unternehmens: die ureigene Expertise. Schnell wird aus diesem blinden Fleck ein echtes Unternehmensrisiko: Die Fluktuation von Experten steigt aufgrund mangelnder Bindung und kluge, ehrgeizige Asse können nur noch schwer gewonnen werden. Auf eine frei werdende Expertenposition kann man nicht mal schnell jemanden aus einer fachfremden Funktion rotieren. Leerstellen sind hier insofern fatale Schwachstellen.

Es geht um die Zukunft

„Bislang hatten wir doch immer genügend Experten an Bord, also bloß kein Sturm im Wasserglas“, sagen sich noch viele Unternehmen. Doch der Sturm zieht so oder so bereits auf, und er betrifft nicht das „Wasserglas“, sondern die Unternehmen im Kern – aus mehreren Gründen. Hochschulabsolventen, die in wichtige Expertenrollen hineinwachsen können, werden immer rarer; sie können sich ihren Arbeitgeber aussuchen. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Experten zu: Denn in unserer turbulenten Wirtschaftswelt zählen die umgehend verfügbare Expertise und die fachlich fundierte Kreativität als Basis neuer wettbewerbsfähiger Produkte und innovativer Geschäftsmodelle.

Vom Tüftler zum Themen-Manager

Zudem setzen Unternehmen zunehmend auf Schnelligkeit und Agilität und deshalb auch auf interdisziplinäre unternehmensweite Netzwerke, die sich bei einem hohen Freiheitsgrad um relevante Themen kümmern. Für eine solche Schwarmorganisation braucht es erstklassige Experten, die hochmotiviert, handlungskompetent und kommunikativ sind. Insgesamt wird die Projektarbeit jenseits von Hierarchien und Funktionen immer wichtiger. Das heißt aber auch: Die Experten erhalten mehr Verantwortung für ihr Thema, sie müssen es selbstständig vorantreiben und sich als Ansprechpartner für ihr Expertise-Feld bemerkbar machen.

Ein neues Selbstverständnis

Experten sind also vital für Unternehmen. Allerdings zeigen Mitarbeiterbefragungen, dass gerade viele der Experten unzufrieden sind. Ihnen fehlen in der Regel klare Entwicklungs- und Vergütungsperspektiven und genügend Freiraum, um sich in ihrer Rolle individuell entfalten zu können. Unternehmen, bei denen es auf Wissen, Innovationskraft und Dynamik ankommt, sollten deshalb klären, an welchen für die Organisation strategisch relevanten Punkten welche Experten sitzen, ihnen fachliche und finanzielle Chancen aufzeigen und sie so führen, dass sie in ihrer Rolle wachsen und ihr Wissen flexibel einbringen können.

Vor allem sollten sich die Unternehmen als Expertenorganisationen verstehen und dieses Selbstverständnis deutlich kommunizieren und in ihrer Kultur verankern. Experten fühlen sich so als Champions wahrgenommen und geschätzt – und engagieren sich dann auch gern dafür, dass ihr Unternehmen ein Champion ist.

 

 

Der Experte für Experten: Frank Gierschmann, Partner der hkp/// group

Über den Autor

Frank Gierschmann berät seit 2013 für die hkp/// group Konzerne und Mittelständler zu allen Aspekten des Talent- und Performance Managements. Er begann seine berufliche Laufbahn in der Konzernzentrale des weltweit größten Logistikdienstleisters.

Innerhalb von 11 Jahren durchlief er hier verschiedene Experten- und Führungsfunktionen im Bereich der Führungskräfte- und Personalentwicklung, zuletzt in der Rolle als Vice President Corporate Executives Staffing. 2011 folgte der Wechsel in die Schweiz, wo er bei einem börsennotierten Logistikkonzern als Global Head of Talent Management das unternehmensweite Talent Management verantwortete und unter anderem die weltweiten Leadership-Programme für Top-Führungskräfte sowie die Identifizierung und Entwicklung von High Potentials steuerte.

Frank Gierschmann ist Wirtschaftspsychologe (RWTH Aachen), ergänzt durch einen MBA in General Management. Er ist Autor verschiedener Fachpublikationen zu Fragen des Talent- und Performance-Management und in diesem Themenfeldern auch als Referent sowie Gastdozent aktiv.

8 Comments

  1. Jessica Pröbel
    18. August 2017
    Reply

    Die etwas andere Sicht auf Experten und deren Bedeutung tut gut. Bisher schaute ja alles auf Führungskräfte und dass es diesen nur ja an nichts fehlt… Vielleicht ist das ja der Neuanfang einer Bewegung, die bis hin zur Neubewertung der Rolle von Führung führt. Wer weiß? Bitte diesen Weg weiter verfolgen. Es braucht kompetente Stimmen wie die Ihre…

  2. Winnetou May
    18. August 2017
    Reply

    Fachkräftemangel ist ja im wesentlichen Expertenmangel. Wir jammern ja weniger wegen des Fehlens unqualifizierter Kräfte., sondern weil uns die Leute auf Schlüsselpositionen fehlen, und damit meine ich nicht Führungskräfte. Häuptlinge hat es genug, es braucht mehr pfiffige Indianer.

  3. Jessica Pröbel
    18. August 2017
    Reply

    … und Squaws!!!

  4. M.Sasse
    18. August 2017
    Reply

    Mir war es tatsächlich völlig neu, dass Unternehmen ihre Experten vernachlässigen. Das hätte ich nie gedacht, da es doch auf der Hand liegt, sich um diejenigen zu kümmern, die mit ihrem Gehirnschmalz Produkte, Dienstleistungen und so weiter erst ermöglichen. Ganz ehrlich: Manchmal fasst man sich schon an den Kopf… Gerade die Dinge, die selbstverständlich sein sollten, sind oft die an denen es fehlt. Na denn, auf geht’s liebe Unternehmen – holt die Experten aus ihrem Keller!

  5. Der einzige Experte
    18. August 2017
    Reply

    Naja, Experten sind ja auch nicht gleich Experten. Der Begriff ist halt auch echt schwammig. Irgendwie ist jeder einer – und dann doch nicht. Stelle ich mir schwierig vor, das in Unternehmen zu lösen.

  6. Vernachlässigter Experte
    18. August 2017
    Reply

    Dass Experten vernachlässigt werden, erlebe ich selbst am eigenen Beispiel. Aber gibt es eigentlich tragfähige Analysen dazu, wie Unternehmen mit ihren Experten umgehen? Der Beitrag oben stützt sich ja auf ausgewählte Beispiele und verallgemeinert. Oder werden solche Analysen vielleicht nicht beauftragt und durchgeführt, weil Führungskräfte sie nicht wollen?

  7. Jessica Pröbel
    18. August 2017
    Reply

    Bitte keine Verschwörungstheorien! Wir sind doch hier nicht auf Facebook… Jede Führungskraft muss ein Interesse daran haben zu erfahren, wie Experten in der eigenen Organisation – ob nun kleines Team, eine ganze Abteilung oder ein Unternehmen – gefördert und gefordert werden sollten. Aber in der Tat wäre eine statistisch tragfähige Datengrundlage zu Expertenrollen sehr aufschlussreich..

  8. Vernachlässigter Experte
    18. August 2017
    Reply

    „… jede Führungskraft muss ein Interesse daran haben zu erfahren, wie Experten …“ – die Realität sieht eben oft anders aus als das Ideal.

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